Weite Prärien, hohe Berge & Wilde KüsteN
Kaum, dass wir die Grenze zum Bundesstaat Manitoba überfahren, ändert sich fast schlagartig die Landschaft von Tannen und Seen hin zu riesigen Ackerflächen. Kurz vor Winnipeg haben wir schonmal einen Wegmarker geschafft – wir haben die geografische Mitte Kanadas erreicht! Ab hier startet unsere Tour in den Westen. Das zweitgrößte Land der Welt präsentiert sich tatsächlich mit unglaublichen Strecken. Wir waren ja auf einiges gefasst. Dies dann aber tatsächlich zu fahren, ist wirklich nochmal was anderes. Winnipeg bietet nach der langen Kurverei etwas Abwechslung. Wir finden ein zentral gelegenes Plätzchen im Grünen und nutzen die Zivilisation zum Wäsche waschen, Vorräte auffüllen und Beine vertreten. Zu sehen gibt es allerdings nicht allzu viel. Eine Fotorunde muss natürlich sein, aber so richtig Charme versprüht dieser Ort nicht.











Was sich allerdings als interessant entwickelt, ist die enorme Sandmenge, die in der Luft umherweht, so dass die Stadt in einen gelblich-bräunlichen Dunst gehüllt ist. Der kräftige Wind scheint den Staub der noch unbewachsenen Ackerflächen drumherum aufzuwirbeln. Das Ganze entwickelt sich zu einer richtigen Wüstenatmosphäre. Die Böen sind sogar so stark, dass wir für die nächste Übernachtung Schutz hinter einem Outdoorladen suchen. Dort kommen wir mit den Mitarbeitern ins Gespräch und bekommen schonmal die ersten Einweisungen, wie denn mit Bären umzugehen sei. Die tummeln sich dann ja v.a. ab den Rockies und entsprechende Vorsicht ist angesagt.


Acker, so weit das Auge reicht
Auch am nächsten Tag fegt der Sandsturm übers Land und wir müssen Balus Lenkrad ordentlich festhalten, damit er uns nicht ausbüxt. Dazu kommen die Luftwalzen, die die massiven Trucks vor sich herschieben und uns beim Überholen von der anderen Seite fast wegdrücken. Eine ganz schön wilde Segelei ist das!
Hier ist nun wirklich nur noch reines Ackerland. Felder bis zum Horizont in einer Dimension, die können wir uns in Deutschland kaum vorstellen. Dazu kaum ein Baum, kaum ein Strauch. Kein Wunder, dass hier alles durch die Luft weht. Trecker sind hier riesig und haben hinten sogar Doppelbereifung. Alles ist hier einfach größer, weiter, höher! Und im nächsten Bundesstaat Sasketchewan wird das Ackerland sogar zusätzlich als Ölfeld genutzt. Mitten in den Weizenfeldern stehen Pferdeköpfe und pumpen das schwarze Gold aus dem Boden. Insgesamt fahren wir über Stunden durch eine recht eintönige Landschaft mit endlosen, schnurgeraden Straßen. Und trotzdem gibt es immer was zu gucken. Zusätzlich bietet der Himmel echte Highlights mit ordentlich Drama. Nicht umsonst trägt Sasketchewan den Beinamen „Land of Open Skies“.










Bisons im Grasslands NationalPark
Wir trudeln im verschlafenen Nest Cadillac ein und verdaddeln erstmal einen verregneten Tag bei Balu. Der Ort lässt mich mir die Frage stellen, warum man hier so mitten im Nowhere wohnen möchte und mit etwa 1000 Leuten zusammen den Beschluss fasst: So, hier bleibe ich mal und lasse mich nieder.



In der Nähe liegt der Grasslands Nationalpark. Es ist wirklich eine sehr weitläufige Landschaft mit ganz ursprünglichem Bewuchs von besonderen Gräsern, die es nur noch hier gibt. Der Rest, mit dem Kanada im Zentrum des Landes überall bedeckt war, ist längst Ackerland gewichen, weil der Boden so schön fruchtbar ist.
Und es ist nicht nur ganz flach. Die Gegend ist zerfurcht von sanften Tälern. Ein wahrhaftes Paradies für Bisons. Nur dass heute hier nicht mehr Millionen von ihnen leben wie früher, sondern nur noch etwa 400-600. Das haben die früheren Einwanderer mit ihren Abschlachtungen zu verantworten. Zum Teil wegen der Felle, zum Teil auch, um den Indigenen die Nahrungsgrundlage zu rauben. Fast waren die Tiere ausgerottet. Nur ein paar existierten noch und daraus wurde über Jahre diese Herde geformt.
Die ersten Tiere, die wir sehen, sind die zuckersüßen Präriehunde, die wie Erdmännchen auf ihren Erdhügeln Wache stehen und bei Gefahr oder wahlweise Tourist ihre Artgenossen über Rufe warnen. Der ganze Boden ist zerlöchert wie ein Schweizer Käse von diesen Erdbewohnern. Und alle flitzen fleißig durch die Gegend.




Im Visitor Center hatte die Rangerin uns nicht viel Hoffnung darauf gemacht, Bisons zu erspähen. Die Mütter seien mit ihren Kälbern jetzt in der hintersten Ecke unterwegs. Und der Rest verteilt sich. Na, wir schauen mal. Wir machen auf einem eigentlich zum Wandern gedachten Trampelpfad auf eine Mountainbiketour. Die Reifen sinken auf der ganzen Strecke immer ein wenig in den weichen Boden ein, so dass die Fahrt durchaus mühselig wird und wir mächtig ins Schnaufen kommen. Aber schön ist es! Und sooo friedlich! Wir erspähen nach einer Weile von weitem ein paar einzelne schwarze Punkte und unser Trail führt direkt in die Richtung.
Und dann kommen wir um einen Hügel herum und da stehen auf einmal zwei prächtige Exemplare. Vor Schreck donnern diese schwarz-braunen schweren Tiere los und fliehen vor uns. Ich weiß gar nicht, ob die sich mehr erschreckt haben oder wir. Sie beäugen uns noch kritisch aus der Distanz und biegen dann um die Ecke. Immer noch folgt der Trail genau ihrem eingeschlagenen Weg und zwei Hügel weiter stehen sie an einem Wasserloch und wir können sie weiter beobachten. Natürlich bekommen sie uns mit. Irgendwann heben sie auch den Schwanz, was wohl als erstes Warnsignal gilt. Eigentlich sind sie überhaupt keine angriffslustigen Tiere. Nur, wenn sie sich bedroht fühlen, können sie sich damit wehren. Nee, danke! Wir bleiben still, bis sie weiterziehen.
Wir kommen uns ein bisschen vor wie Bisonhirten, denn es bleibt dabei, dass wir da lang müssen, wo sie gerade hinziehen. Das fühlt sich nicht wirklich witzig an. Ich wollte diese Tiere ja gern sehen, aber ich wollte sie nicht jagen oder gar von ihnen gejagt werden. Dann endlich biegt der Pfad ab und wir können sie weitläufig umgehen.
Aber das ist doch der Knaller! Keine Erwartung gehabt und dann diese majestätischen Tiere aus dieser Nähe in freier Wildbahn gesehen! Fantastisch!








Aber der Tag hat sein Feuerwerk noch nicht ganz abgeschossen. Auf dem Weg zum Campground des Nationalparks wirft die Sonne ihr goldenes Licht über die weite Landschaft. Und dann steht doch tatsächlich direkt neben der Schotterpiste noch ein Bison und grast friedlich. Es lässt sich gar nicht von uns stören. Es posiert fast schon für uns und zeigt sich vorn seiner besten Seite.
Der Campground liegt so weit ab vom Schuss, dass das ganze Gebiet als Dark-Sky-Area ohne Lichtverschmutzung deklariert wurde. Die Wolken des Tages, die den Himmel so schön gestaffelt haben, hat die Sonne mittlerweile aufgelöst und nun breitet sich nachts über uns ein sternenklarer Himmel aus. So klar, dass wir sogar die Milchstraße sehen können.





Wir bleiben noch weiter im Park, nutzen das wunderbare Wetter aus und fahren erst zum Abend wieder raus. Das Bison ist tatsächlich immer noch da, fast wie ein Maskottchen, dabei wurden die Sichtungschancen doch so gering eingeschätzt.




Zum Abend ziehen dunkle Regenwolken auf. Überall dramatische Wolken mit Regen in der Ferne, aber bei uns ist es trocken. Ich fotografiere fleißig und wünsche mir insgeheim noch einen Regenbogen zum krönenden Abschluss des Tages. Und, was soll ich sagen, da ist er! I’m flipping out! Juhu!





