Inga Noetel auf Weltreise - Verschneite Rocky Mountains in Kanadas Westen mit Farmhaus und hügeliger Graslandschaft im Vordergrund

Weite Prärien, hohe Berge & wilde Küsten

Kaum, dass wir die Grenze zum Bundesstaat Manitoba überfahren, ändert sich fast schlagartig die Landschaft von Tannen und Seen hin zu riesigen Ackerflächen. Kurz vor Winnipeg haben wir schonmal einen Wegmarker geschafft – wir haben die geografische Mitte des Landes erreicht! Ab hier startet unsere Weltreise in den Westen Kanadas. Das zweitgrößte Land der Welt präsentiert sich tatsächlich mit unglaublichen Strecken. Wir waren ja auf einiges gefasst. Dies dann aber tatsächlich zu fahren, ist wirklich nochmal was anderes. Winnipeg bietet nach der langen Kurverei etwas Abwechslung. Wir finden ein zentral gelegenes Plätzchen im Grünen und nutzen die Zivilisation zum Wäsche waschen, Vorräte auffüllen und Beine vertreten. Zu sehen gibt es allerdings nicht allzu viel. Eine Fotorunde muss natürlich sein, aber so richtig Charme versprüht dieser Ort nicht.

Was sich allerdings als interessant entwickelt, ist die enorme Sandmenge, die in der Luft umherweht, so dass die Stadt in einen gelblich-bräunlichen Dunst gehüllt ist. Der kräftige Wind scheint den Staub der noch unbewachsenen Ackerflächen drumherum aufzuwirbeln. Das Ganze entwickelt sich zu einer richtigen Wüstenatmosphäre. Die Böen sind sogar so stark, dass wir für die nächste Übernachtung Schutz hinter einem Outdoorladen suchen. Dort kommen wir mit den Mitarbeitern ins Gespräch und bekommen schonmal die ersten Einweisungen, wie denn mit Bären umzugehen sei. Die tummeln sich dann ja v.a. ab den Rockies und entsprechende Vorsicht ist angesagt.

Acker, so weit das Auge reicht

Auch am nächsten Tag fegt der Sandsturm übers Land und wir müssen Balus Lenkrad ordentlich festhalten, damit er uns nicht ausbüxt. Dazu kommen die Luftwalzen, die die massiven Trucks vor sich herschieben und uns beim Überholen von der anderen Seite fast wegdrücken. Eine ganz schön wilde Segelei ist das!

Hier ist nun wirklich nur noch reines Ackerland. Felder bis zum Horizont in einer Dimension, die können wir uns in Deutschland kaum vorstellen. Dazu kaum ein Baum, kaum ein Strauch. Kein Wunder, dass hier alles durch die Luft weht. Und kein Schutz, der irgendwelchen Tieren noch eine Heimat bieten könnte. Trecker sind hier riesig und haben hinten sogar Doppelbereifung. Alles ist hier einfach größer, weiter, höher!

Und im nächsten Bundesstaat Sasketchewan wird das Ackerland sogar zusätzlich als Ölfeld genutzt. Mitten in den Weizenfeldern stehen Pferdeköpfe und pumpen das schwarze Gold aus dem Boden. Der Erde wird hier doppelt etwas abverlangt, aber zurückgegeben wird hier wohl nichts. Das fühlt sich auch ganz schön trostlos und irgendwie seelenlos an. Eine Kollegin meinte zu mir, ich könne ja die Erde energetisch segnen. Das habe ich abgefragt, das durfte ich tun und habe ganz viel Dankbarkeit zurückbekommen.

Insgesamt fahren wir über Stunden durch diese recht eintönige Landschaft mit endlosen, schnurgeraden Straßen. Und trotzdem gibt es immer was zu gucken. Zusätzlich bietet der Himmel echte Highlights mit ordentlich Drama. Nicht umsonst trägt Sasketchewan den Beinamen „Land of Open Skies“.

Bisons im Grasslands NationalPark

Wir trudeln im verschlafenen Nest Cadillac ein und verdaddeln erstmal einen verregneten Tag bei Balu. Der Ort lässt mich mir die Frage stellen, warum man hier so mitten im Nowhere wohnen möchte und mit etwa 1000 Leuten zusammen den Beschluss fasst: So, hier bleibe ich mal und lasse mich nieder.

In der Nähe liegt der Grasslands Nationalpark. Es ist wirklich eine sehr weitläufige Landschaft mit ganz ursprünglichem Bewuchs von besonderen Gräsern, die es nur noch hier gibt. Der Rest, mit dem Kanada im Zentrum des Landes überall bedeckt war, ist längst Ackerland gewichen, weil der Boden so schön fruchtbar ist.

Und es ist nicht nur ganz flach. Die Gegend ist zerfurcht von sanften Tälern. Ein wahrhaftes Paradies für Bisons. Nur dass heute hier nicht mehr Millionen von ihnen leben wie früher, sondern nur noch etwa 400-600. Das haben die früheren Einwanderer mit ihren Abschlachtungen zu verantworten. Zum Teil wegen der Felle, zum Teil auch, um den Indigenen die Nahrungsgrundlage zu rauben. Fast waren die Tiere ausgerottet. Nur ein paar existierten noch und daraus wurde über Jahre diese Herde geformt.

Die ersten Tiere, die wir sehen, sind die zuckersüßen Präriehunde, die wie Erdmännchen auf ihren Erdhügeln Wache stehen und bei Gefahr oder wahlweise Tourist ihre Artgenossen über Rufe warnen. Der ganze Boden ist zerlöchert wie ein Schweizer Käse von diesen Erdbewohnern. Und alle flitzen fleißig durch die Gegend.

Im Visitor Center hatte die Rangerin uns nicht viel Hoffnung darauf gemacht, Bisons zu erspähen. Die Mütter seien mit ihren Kälbern jetzt in der hintersten Ecke unterwegs. Und der Rest verteilt sich. Na, wir schauen mal. Wir machen auf einem eigentlich zum Wandern gedachten Trampelpfad auf eine Mountainbiketour. Die Reifen sinken auf der ganzen Strecke immer ein wenig in den weichen Boden ein, so dass die Fahrt durchaus mühselig wird und wir mächtig ins Schnaufen kommen. Aber schön ist es! Und sooo friedlich! Wir erspähen nach einer Weile von weitem ein paar einzelne schwarze Punkte und unser Trail führt direkt in die Richtung.

Und dann kommen wir um einen Hügel herum und da stehen auf einmal zwei prächtige Exemplare. Vor Schreck donnern diese schwarz-braunen schweren Tiere los und fliehen vor uns. Ich weiß gar nicht, ob die sich mehr erschreckt haben oder wir. Sie beäugen uns noch kritisch aus der Distanz und biegen dann um die Ecke. Immer noch folgt der Trail genau ihrem eingeschlagenen Weg und zwei Hügel weiter stehen sie an einem Wasserloch und wir können sie weiter beobachten. Natürlich bekommen sie uns mit. Irgendwann heben sie auch den Schwanz, was wohl als erstes Warnsignal gilt. Eigentlich sind sie überhaupt keine angriffslustigen Tiere. Nur, wenn sie sich bedroht fühlen, können sie sich damit wehren. Nee, danke! Wir bleiben still, bis sie weiterziehen.

Wir kommen uns ein bisschen vor wie Bisonhirten, denn es bleibt dabei, dass wir da lang müssen, wo sie gerade hinziehen. Das fühlt sich nicht wirklich witzig an. Ich wollte diese Tiere ja gern sehen, aber ich wollte sie nicht jagen oder gar von ihnen gejagt werden. Dann endlich biegt der Pfad ab und wir können sie weitläufig umgehen.

Aber das ist doch der Knaller! Keine Erwartung gehabt und dann diese majestätischen Tiere aus dieser Nähe in freier Wildbahn gesehen! Fantastisch!

Aber der Tag hat sein Feuerwerk noch nicht ganz abgeschossen. Auf dem Weg zum Campground des Nationalparks wirft die Sonne ihr goldenes Licht über die weite Landschaft. Und dann steht doch tatsächlich direkt neben der Schotterpiste noch ein Bison und grast friedlich. Es lässt sich gar nicht von uns stören. Es posiert fast schon für uns und zeigt sich vorn seiner besten Seite.

Der Campground liegt so weit ab vom Schuss, dass das ganze Gebiet als Dark-Sky-Area ohne Lichtverschmutzung deklariert wurde. Die Wolken des Tages, die den Himmel so schön gestaffelt haben, hat die Sonne mittlerweile aufgelöst und nun breitet sich nachts über uns ein sternenklarer Himmel aus. So klar, dass wir sogar die Milchstraße sehen können. Zur Krönung heulen noch ein paar Cojoten. Ein faszinierendes und gleichzeitig auch schauriges Geräusch. Sobald sie verstummen, ist sonst nichts zu hören, wirklich gar nichts!

Wir bleiben noch weiter im Park, nutzen das wunderbare Wetter aus und genießen die Friedlichkeit dieser Landschaft. Ideal, um hier Coachings zu geben, da diese ruhige und gleichzeitig kraftvolle Energie sich wunderbar in die Sitzungen einfließen lässt.

Wir fahren auch erst zum Abend wieder raus. Das Bison ist tatsächlich immer noch da, fast wie ein Maskottchen, dabei wurden die Sichtungschancen doch so gering eingeschätzt.

Zum Abend ziehen dunkle Regenwolken auf. Überall dramatische Wolken mit Regen in der Ferne, aber bei uns ist es trocken. Ich fotografiere fleißig und wünsche mir insgeheim noch einen Regenbogen zum krönenden Abschluss des Tages. Und, was soll ich sagen, da ist er! I’m flipping out! Juhu!

Prärien und Rocky Mountains

Wir nähern uns immer mehr den Rocky Mountains. Die weite Prärielandschaft bleibt uns dennoch lange erhalten. Und die dramatischen Regenwolken, die optisch jede Fahrt interessanter machen, begleiten uns auch noch eine ganze Weile. Drumherum Drama dort oben, aber wir bekommen wieder fast nichts vom Regen ab.

Wir besuchen einen Ort, der den absurden Namen Head-Smashed-In Buffalo Jump trägt. Hier wurden sogar schon von den ganz frühen Siedlern die Mammuts und später dann die Bisons zusammengetrieben und in Massen über eine Klippe gejagt und zu Tode gestürzt. Früher wurde sonst ja eher im Einklang mit der Natur gelebt und nur soviel genommen, wie gerade gebraucht wurde, ohne die Ressourcen überzubeanspruchen. Diese Einstellung hat an diesem Ort jedenfalls ausgesetzt.

Der Name des Ortes führt auf einen Mann zurück, der sich für eine Mutprobe am Rand der Klippe versteckt haben soll, um den Absturz der Tierherde aus nächster Nähe zu beobachten. Er wurde dann wohl aber von einem Bison mitgerissen, so dass sein Schädel zertrümmert wurde.

Ich finde es jedenfalls erstaunlich, dass ein Ort, an dem so viele Tiermassaker stattgefunden haben, so viel Frieden herrscht. Es ist außer uns auch niemand hier und so haben wir diesen Ort mal wieder ganz für uns und machen ihn zu unserem Übernachtunsgplatz. Wir haben von hier beste Rundumsicht. Zur einen Seite besagte Klippen, dann die weitläufige Prärielandschaft und zur anderen Seite reihen sich schon die Rocky Mountains auf. Die Abendsonne und die Wolken zaubern erneut ein buntes Spektakel an den Himmel. Ein wunderbarer Platz, dessen Ruhe ich auch wieder wunderbar in eine Coaching-Session einbauen kann!

Wir sind nun mittlerweile im Bundesstaat Alberta angekommen. Hier zeigen sich viel deutlicher als noch zuvor in Sasketchewan, dass es viele Ranches gibt. Es herrscht mehr Weide- als Ackerland vor. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass hier Cowboys stilecht mit entsprechendem Hut und Stiefeln durch den Supermarkt laufen. Auf dem Pferd muss ich sie leider dennoch suchen, aber es gibt ihn wohl noch, den typischen Cowboy. In dieser lieblichen Umgebung suchen wir unseren nächsten Übernachtungsplatz.

Wir fragen bei einer älteren Lady an, ob wir auf ihrer riesigen Ranch stehen dürfen. Sie ist zunächst verwundert, lässt uns aber gern auf der unendlich großen Weide verweilen. Wir können vorn hier aus nicht einmal ihr Haus erspähen, so groß ist ihr Grundstück. Wir genießen den weiten Blick. Ich mag es dazu, wenn die Landschaft eher flach ist und Berge eher als Deko im Hintergrund zu sehen sind.

Am nächsten Morgen blubbert ein dicker Motor neben Balu – die Dame bringt uns sogar noch ein Großpack Eier zum Frühstück vorbei. Wie süß!

Ranchleben

In dieser Gegend kann ich ja gar nicht anders, als mir eine Ranch anzusehen. So besuchen wir die als lebendiges Museum umgestaltete, älteste Ranch Albertas: die Bar U Ranch.

Mit einer Pferdekutsche werden wir zu den alten roten Holzgebäuden gefahren. Eine junge Frau und ein älterer Herr sind unsere Kutscher. Er erzählt zunächst von der Ranch und wie es früher hier war. Dann kommt zur Sprache, dass er zur Hälfte auch von den First Nations stammt. Ich frage ihn aus, ob es hier in dieser Gegend die Möglichkeit gibt, mich mit diesen über alte Heilverfahren zu unterhalten. Er selber hat davon nicht viel mitbekommen, da dieses Wissen zu seiner Zeit so stark unterdrückt und verdrängt wurde.

Er meint, die Elder (die Älteren/ die Wissenshüter) kommen jedes Wochenende an einen besonderen Ort, um dort heilige Kräuter wie z.B. Salbei zu ernten. Aber dies sei eine private wie auch heilige Angelegenheit, bei dem keine Externen erwünscht wären. Aber ich solle mal bei seiner Tochter und Enkelin in ihrem Shop oben im Ort fragen. Na gut, mach ich. Jetzt ist erstmal Ranch schauen angesagt, inklusive Lassoschwingen.

Im Ort frage ich tatsächlich noch bei Tochter und Enkelin des Kutschers nach einem Kontakt zu den Indigenen an. Die Mutter telefoniert sogar mit einer Frau. Die würde sie dann für einen halben Tag für ihren Shop anheuern und ich könnte sie währenddessen sprechen. Ich sollte dann aber auch ihren Arbeitslohn von 200 € zahlen. Aber dann müsste sie ja auch arbeiten und steht mir dann ja wohl auch nicht wirklich zur Verfügung. Hm, ich hatte mir eher ein natürlicheres Gespräch erhofft und lehne dankend ab.

Ich höre überall, dass die Leute sehr froh darüber sind, dass man sich nun mehr für sie interessiert und sie daher auch zu Gesprächen bereit wären. Aber wenn es dann soweit ist, ist es trotzdem bisher schwierig. Andererseits habe ich auch sehr stark den Eindruck, als ob die Traumata, wie mit ihresgleichen umgegangen wurde, noch sehr tief sitzt. Reservate gibt es ja heute auch noch, früher wurden Kinder in Schulen ohne Elternkontakt geschickt, um ihnen ihre Herkunft auszutreiben und die Denk- und Lebensweisen der Weißen einzupflanzen. Damit geht sicherlich auch ein nicht unerhebliches Misstrauen auch heute noch einher. Es bleibt interessant, wie ich an einen solchen Kontakt herankommen soll.

Longview als Ort verströmt jedenfalls auch noch eine gemütliche Westernatmosphäre.

Ab in die Rockies

Kaum eine halbe Stunde gefarhen, sind wir aus den Prärien hinaus- und mitten in die Rocky Mountains hineingefahren. Schneebedeckte Berge und Tannen umringen uns. Vor zwei Tagen habe es gerade erst geschneit, bekommen wir erzählt. Passend zu unserer Ankunft haben wir noch Deko auf die Gipfel bekommen, herrlich!

Da wir hier in einem Provincial Park sind, können wir nur auf einem Campground übernachten. Aber es ist fast, als würden wir hier wild campen. Wir machen uns ein Lagerfeuer, Jörg spielt Gitarre und mit unserem Gesang vertreiben wir sicher ein paar Bären.

Wir treffen noch ein deutsches Ehepaar. Auf lange Sicht haben wir dieselbe Route. Wir tauschen Nummern aus. Mal sehen, ob wir uns wiedertreffen. Die Welt ist ja manchmal klein.

Wir dringen nun weiter in die Rocky Mountains vor – in den Kananaskis Provincial Park. Hier haben wir nun wieder das Gefühl, im Frühling angekommen zu sein. Quietschgrüne Laubbäume wechseln sich mit dunkelgrünen Tannen ab. Gelbe Löwenzahnblüten liefern bunte Farbkleckse in den Wiesen. Die Temperatur ist auch endlich richtig angenehm. Wir stoppen hier und da, um das Landschaftspanorama zu genießen. Sogar eine Elchmama mit ihren zwei Kleinen lässt sich blicken.

Achtung Bären!

Wir nehmen eine abseits der üblichen Routen gelegene Piste. Ein Pass weiter oben war schon wegen Bärenaktivitäten gesperrt, es ist also mit Wildtieren, solchen oder solchen zu rechnen. Als wir über die Piste ruppeln, wünsche ich mir, Bären am besten aus dem sicheren Auto heraus, aber dennoch aus nächster Nähe zu sehen. Denke dann aber nicht weiter daran, wir sind ja nicht im Zoo.

Und dann laufen uns tatsächlich zwei prächtige Grizzlies – eine Mutter mit ihrem Jungen – etwa eine halbe Stunde schön parallel zur Piste entlang! Wir bekommen die Kinnlade nicht zu. Die beiden lassen sich überhaupt nicht beirren und suchen unglaublich schnellen Schrittes weiter nach frischen Gräsern oder Beeren. Sie bescheren uns damit ein wirklich magisches Erlebnis. Und wer einmal in diese Augen geschaut hat, der kann sich vielleicht vorstellen, dass diese Tiere sehr wohl wehrhaft sind (guckt mal auf die Klauen und die Muskeln), aber keinesfalls grundauf bösartig!

Es ist praktisch wie im Coaching-Handbuch und in der Energiearbeit in Kurzform: ein positives Ziel setzen, die Erwartung loslassen und schauen, was passiert. Das Ergebnis könnte sogar besser sein als jemals erdacht! Manchmal ist das Leben eben doch ein Wunschkonzert!

Auf dem Campground des Nationalparks hören wir von den zwei Rangern, dass sie selbst erst einmal in irem Leben Schwarzbären gesehen hätten. Eine der beiden stammt sogar aus einem Ort, der nicht weit von Bärengebieten liegt. Aber Grizzlies wären sie noch nie begegnet. Und wir sind den ersten Tag in den Rocky Mountains und sehen gleich zwei von ihnen. Und dann auch noch so lange! Ist doch irre!

Wir machen noch eine Mountainbiketour am See entlang. Immer mit Blick in den Wald, ob nicht doch noch wieder ein Pelzträger in der Nähe ist. Aber diesmal lässt sich keiner blicken und wir können umso entspannter die wunderschöne Landschaft genießen. Die Sonne lacht und wärmt, der See schimmert blau und grün. Wunderbar!

Abends setze ich mich mit dem Campingstuhl noch auf die riesige, nach Wildkräutern duftende Grasfläche mitten ins Tal für eine Sitzung mit Energiemedizin. Es ist enorm, wieviel Kraft von den Bergen und der Erde zu spüren ist. Es ist sehr hilfreich, mal nicht abgelenkt zu sein von allen möglichen anderen Reizen und dem immer wieder Weiterfahren. Wenn ich mal die Muße habe, mich wirklich auf die Umgebung einzulassen und auch die Details wahrzunehmen, ist erstaunlich, wie stark diese Wirkung ist. Nach dieser Sitzung bin ich wieder richtig gut mit Energie aufgeladen und bester Laune.

Banff Nationalpark

Banff und Jasper sind Kanadas berühmteste Nationalparks. Eigentlich wollten wir erst auf dem Rückweg unserer Westschleife durch das Land diese beiden Parks erkunden. Dann wäre aber absolute Hochsaison und alles soll rappevoll sein. So beschließen wir dank verheißungsvoller Wettervorhersage für die nächsten Tage, doch jetzt schon diesen Weg zu nehmen. Auch wenn das vielleicht noch zugefrorene Seen bedeutet und noch mehr Schnee als im Juli. Aber so ist es eben in diesem Jahr, wir fahren dem Winter scheinbar immer hinterher.

Im Banff Nationalpark begrüßen uns nicht nur Dickhornschafe, sondern auch noch eine Horde von drolligen Erdhörnchen, die schon ganz gut an Besucher gewöhnt zu sein scheinen, denn sie lassen einen schon ziemlich nah rankommen.

Zum Touristenmagneten Lake Louise fahren wir mit unseren Fahrrädern die schweißtreibende Strecke den Berg hoch. Kanada hat irgendwie die konsequente Eigenschaft, dass sich Kilometer aus verschiedenen Gründen immer ziehen. Wegen der Weite, wegen der Bodenkonsistenz oder in diesem Fall wegen der Höhe. Wir fallen immer wieder drauf rein, dass wir denken: ist doch schnell gemacht. Nee! Lohnt sich aber!

Der petrolfarbene See ist zum Teil noch dekorativ mit weiß-bläulichen Eispartien benetzt. Die Berge und der Gletscher im Hintergrund werden noch zusätzlich gespiegelt. Und obwohl die Landschaft noch einen frostigen Eindruck macht, ist tatsächlich T-Shirt-Wetter.

Dunkle Wolken ziehen auf. Ich bitte darum, dass es trocken bleibt, bis wir wieder am Camper sind. Und tatsächlich, erst dann fängt es an zu regnen. Schon wieder Glück gehabt! In der Zeit füllen wir noch ein paar Vorräte in einem völlig überteuerten Mini-Supermarkt auf, der ausnutzt, dass es in diesem Touri-Ort keine Alternative gibt. Und dann fahren auf dem Icefield Parkway in die Berge im Banff Nationalpark. Das ist eine Strecke, die zwischen zwei Bergketten der Rockies hindurchführt und beide Nationalparks, Banff und Jasper miteinander verbindet.

Früher war dies wohl auch die Handelsroute der First Nations. Davon ist heute gar nichts mehr zu erkennen. Aber es ist kein Wunder, dass diese Strecke für so etwas prädestiniert war, da sie weitestgehend geradeaus ohne Serpentinen durch die Berge führt. Für mich als überzeugter Flachlandtiroler auch perfekt! So bleiben die Berge schön als Deko an der Seite und ich muss nicht ständig rauf! Geht doch!

Wir kommen noch am Bow Lake vorbei, der über weite Teile noch vereist ist, aber dennoch schon einige freie Wasserflächen preisgibt, so dass sich wunderschöne Spiegelungen ergeben. Dann finden wir uns zum Sonnenuntergang auf einem Parkplatz ein und machen es uns gemütlich. Gut, dass wir bei einem solch eisigen Umfeld ein so puscheliges Zuhause haben!

Abends hatte ich noch an meine Spikes für die Wanderschuhe gedacht. Aber am Morgen finde ich mich auf dem dick verschneiten Trail zum smaragdfarbenen Peyto Lake wieder und hab sie dann doch vergessen. So rutsche ich mit gefühlt hunderten anderen Touristen bis zu diesem nächsten Hotspot. Manche Inder sind sogar in Badelatschen unterwegs. So nach dem Motto, was in Mumbai gut funktioniert, kann doch hier nicht verkehrt sein. Und als wir uns auf glitschigen Partien aneinander vorbeischieben, frage ich mich, wie voll das hier erst im Sommer sein muss.

Der Mistaya Canyon ist dann schon wieder weniger belebt und Eis liegt auch keines mehr herum. Hier donnern Wassermassen durch eine schmale, dekorative Felsschlucht. Wir kommen auf den Plateaus ganz nah an den Fluss heran und genießen das Spektakel.

Auf der Suche nach einem Spot für die Mittagspause fahren wir um eine Kurve einer abgelegenen Piste und schrecken einen Schwarzbären auf, der flugs im Wald verschwindet. Ha, schon wieder einen Bären gesichtet! Dieses Mal ein etwas scheueres Exemplar als die selbstbewussten Grizzlies.

Als letzten Spot im Banff Nationalpark machen wir noch einen Abstecher zum Abraham Lake, abseits der stärker frequentierten Route. Das Tauwasser der Gletscher und des Schnees haben den See erst zur Hälfte gefüllt. Dafür sieht man aber die umliegenden Berge doppelt, da ein windstiller Nachmittag wiedermal herrliche Spiegelungen zaubert. Und nur so lange, bis wir mit den unzähligen Fotos fertig sind. Dann frischt plötzlich der Wind auf, die Reflektionen sind verschwunden, die Sonne auch und wir verkrümeln uns bei Balu. Ich bin wiedermal dankbar für so ein Wahnsinns-Timing und dafür, immer wieder so schöne neue Dinge zu sehen.

Jasper Nationalpark

Als nächstes Highlight erklimmen wir im Jasper Nationalpark wieder die Berge – die Landschaft ist wieder deutlich verschneiter – und dürfen das Columbia Icefield bei strahlendem Sonnenschein bewundern. Dieses beinhaltet zwei Gletscher, den Athabasca und den Sasketchewan. Wir machen uns zum ersteren auf, denn hier kann man bis zur Gletscherzunge hochwandern.

Ein genialer Anblick der Bergstrukturen, des Eises, der Eisformationen und überhaupt. Ich muss ständig Fotos machen. Ich will gar nicht schon wieder so viel Material produzieren, kann aber nicht anders. Und da mich jeder Drücker auf den Auslöser glücklich macht, gibt das heute wieder eine ganze Menge an Glücksgefühlen! Und dann können wir sogar noch auf dem naheliegenden Parkplatz übernachten und den Ausblick auf die Gletscher von Balu aus genießen.

Der nächste Abschnitt im Jasper NP ist besonders durch Wasserfälle geprägt. Manche stürzen steile Felswände hinab und manche in engen Canyons. Der Frühling mit dem entsprechenden Tauwetter beschert uns ordentlich Wassermassen, die laut donnernd der Schwerkraft folgen.

Bei den Athabasca Falls fängt das Waldbrandgebiet an. Hier haben verheerende Brände 2024 ein riesiges Gebiet vernichtet. Mal stehen die Bäume noch und es sieht so aus, als ob sich der Wald schon bald wieder erholen könnte. Frisches Gras und erste Birkentriebe kommen schon wieder nach. Und ich manchen Gebieten liegen die Stämme herum wie Mikado. Es sieht zum Teil auch aus wie im Harz, wo Borki so hungrig war und große Waldgebiete zum Absterben gebracht hat.

An einer Stelle sieht es ganz traurig aus, fast so, als wäre hier ein Reaktorunfall passiert. Ich kann der Natur hier nur viel Kraft wünschen, wieder auf die Beine zu kommen. Absurd finde ich auch bei einem der Berge, dass sogar er verbrannt aussieht. Und dass, obwohl direkt vor seiner felsigen Nase ein wasserreicher Fluss fließt. Wie ironisch!

Trotzdem wirkt dieser ungewohnte Anblick trotz der Zerstörung auch wiederum faszinierend, weil es einfach so anders aussieht als man es gewohnt ist. Und die Strukturen und Farben, die sich daraus ergeben, sind durchaus fotogen. Stämme sind nicht nur schwarz verkohlt, sondern glänzen in der Sonne oder sind scheckig wie bei einer Holsteiner Kuh. Und orangenes Moos und frisches, grünes Gras bilden bunte Farbklekse und zeigen, wie die Natur sich schon wieder ihren Platz zurückholt.

In dieser Landschaft machen wir noch eine Wanderung auf dem Five Lakes Trail. Alle fünf Seen sollen in einem besonderen Türkis oder Grün schimmern. Das kann die Gegend ja! Allerdings versteckt sich die Sonne mit der Zeit. Aber sobald wir an den Seen ankommen, strahlt sie zum perfekten Augenblick wieder zwischen den Wolken hervor und bringt die Wasserfarben zum Leuchten. Mit dem Moment, als wir beschließen, Feierabend mit der Fotoserie und uns auf den Rückweg zu machen, ist dann wirklich Schluss mit Sonne. Wir hätten es wieder nicht besser treffen können!

Wapitis, SChmetterlinge und Bären

Wir nutzen heute ausnahmsweise mal die Annehmlichkeiten eines Campingplatzes im Jasper NP. Dessen schiere Größe lässt auf die Massen im Sommer schließen, die hier aufschlagen. Gut besucht ist der Platz auf jeden Fall von den hier lebenden Wapiti-Hirschen. Bei der Anmeldung bekommen wir mitgeteilt, dass wir auf diese viel mehr achten sollten als auf Bären. Die könnten ganz schön austeilen, wenn man ihnen zu nahe kommt. Und tatsächlich tauchen sie auch schon bald auf, grasen aber ganz friedlich um die Camper herum und im verbrannten Wald.

Wir verlassen die beiden berühmten Nationalparks, fahren ein gutes Stück und suchen uns einen freien Platz am See. Es ist mal wieder Zeit, zu zeichnen, Gitarre zu spielen und der Sonne beim Untergehen zuzusehen. Jörg begegnet bei einer Biketour sogar nochmal einem Bären mit Kind, als er um eine Kurve biegt. Das Kleine klettert ruckzug den nächsten Baum hoch vor Schreck und die Mutter ist nicht begeistert, dass Jörg ihr im Weg zum Kleinen steht. Er sieht zu, dass er gaanz langsam Land gewinnt.

Weil’s so schön ist, bleiben wir noch in der Gegend. Wir stellen uns nur nochmal um. Dort kommt der Ranger vorbei und erlässt uns sogar die Parkgebühren. Er lädt uns ein, denn es ist sonst noch niemand da. Die kämen alle erst in zwei Wochen, sagt er. Sieh an, dann traut sich endlich mal jemand vor die Tür. Ich weiß gar nicht, wo der Kanadier an sich sein Outdoor-Image herhat. In der ganzen Zeit bisher haben wir kaum jemanden draussen rumtoben sehen.

Riesige Baumwurzeln und Stämme säumen die den Strand. Und zwischen den Blumen schwirren einige gelb-schwarze Schmetterlinge. Es sind Schwalbenschwänze, deren Symbolik für Anmut, Würde und innere Stärke steht. Seine Botschaft lautet: Du bist bereit, die schwerfällige Raupen-Existenz hinter Dir zu lassen und Deine wahre, prachtvolle Größe anzunehmen.

Ab in die Wüste

Wir erspähen sogar noch eine Mama Schwarzbär mit 3 Kleinen. Sind die süß und tapsig! Kurz darauf joggt eine Dame genau dort entlang, wo Familie Bär gerade noch unterwegs war. Wir sprechen sie an, dass sie aufpassen möge. Da sagt sie doch glatt, sie wohne seit 25 Jahren direkt in der Nähe, aber sie habe erst einmal Bären gesehen! Und wir halten es mittlerweile für ein Dauerphänomen.

Die Landschaft wird wüstiger, die Berge sind nun braun und fast kahl statt grau mit Tannen. Ich finde, sie könnten hier prima einen Western drehen. Sogar der Fluss sieht aus wie der Rio Grande. Das ist mal eine schöne Abwechslung nach all den Bergen mit Wäldern.

Sogar eine Geisterstadt in der Nähe von Kamloops haben sie da. Mitten zwischen den Salbeibüschen. Und danach duftet es noch dazu in der gesamten Gegend. Der Saloon hat leider zu. Kein Whisky, kein Klavierklimpern und auch keine Schlägerei heute.

Ein Ort weiter zeigen sie uns, wie die Kanadier in einer kleinen Siedlung auch sehr schick und designig bauen können. Bisher haben wir meist nur Holzhäuser gesehen.

Wir finden einen wunderbaren Platz zum Übernachten in dieser Landschaft. Stilecht werfen wir noch den Grill an und ein Lagerfeuerchen. Nachts im Dunkeln donnert es auf einmal neben uns. Es ist Hufgetrappel und eine Horde Wildpferde galoppiert direkt an Balu vorbei. Das ist ja doll! Ich sag ihnen noch Bescheid, dass sie gerne morgen bei Tageslicht nochmal vorbeischauen können. Ich muss lachen, als sie es dann am nächsten Tag in der Dämmerung tatsächlich tun. Das ist ein richtig friedliches Gefühl, wie sie da um uns herum grasen, obwohl sie das gesamte, riesige Gebiet zur Verfügung hätten. Aber sie sind wohl neugierig.

Wir bewegen uns weiter in dieser Westernkulisse. Diesmal in Lilooet. Dies war damals zu Goldgräberzeiten die größte Stadt nördlich von San Francisco. Bei der alten Holzbrücke macht es jedenfalls den Anschein, als ob wir unten gleich noch ein paar Leute mit Goldwäscherschüsseln antreffen könnten. Aber niemand da. Sonst hätte ich auch gern gleich mitgemacht. So’n kleiner Nugget als Andenken oder für die Reisekasse, das wär doch was.

Und nochmal in die Berge

Nach dieser landschaftlich willkommenen Abwechslung kommen wir erneut in die Berge. Die Vegetation wird grüner und wir schwingen uns wieder mehr in die Höhe. Wir wandern den Joffre Lakes Trail hoch. Dieser verbindet 3 grüne Seen miteinander. Das mit dem Grün können sie hier. Allerdings stand nirgends was von der stetigen Steigung auf der gesamten Strecke und dem fast nur noch aus Geröll bestehenden letzten Abschnitt des Trails. Und das Ganze wieder runter. Ganz schön anstrengend!

Dafür, dass es heute den ganzen Tag regnen sollte, haben wir aber wieder das beste Timing erwischt. Wir sind nach dem letzten starken Regenguss los und genau dann wieder zurück bei Balu mit einem heißen Tee und Wrap in der Hand, als der nächste losgeht. Am obersten See holt uns allerdings mal wieder der Winter ein, es schneit sogar! Isses zu fassen!

Whistler: Olympisches und indigenes Erbe

Whistler ist einer der Austragungsorte der olympischen Winterspiele von Vancouver in 2010 gewesen. Und ein Teil des Gebiets, das im Winter immer noch als ein beliebtes Skigebiet genutzt wird, ist jetzt im Sommer in einen bekannten Downhillpark umgewandelt. Hier toben sich Mountainbiker auf Pisten aus und wagen wilde Sprünge.

Wem das noch nicht reicht, der kann sich mit einem Bungeeseil auch hinab zu einem Fluss stürzen oder sich ein paar ausrangierte, kostenlose Skier schnappen und auf die nächste Abfahrtssaison warten. Action hat hier also immer noch ein Zuhause.

Whistler hat aber auch noch ein andere Erbe, denn die Stämme haben sich zusammengetan (anstatt sich wie damals zu bekämpfen) und das Squamish und Lil`wat Cultural Centre aufgebaut. Hier bringen sie Besuchern ihre ursprüngliche und mittlerweile zum Teil wiederkehrende Lebensweise nahe.

Ich frage mal wieder an, ob sie ihre ursprünglichen Heilweisen denn in einem Gespräch offenbaren möchten. Aber wie es immer so ist bisher, sie sind damit extrem scheu und zurückhaltend und behalten es für sich. Da bräuchte es in diesen Gefilden sicherlich einen längeren Kontakt und Vertrauensaufbau. Ich nehme an, ihre damalige Lebensweise und Existenz wurde zu lange unterdrückt, als dass sie mit so etwas für sie Heiligem mal eben so rausrücken. Das habe ich in anderen Kulturkreisen schon offener erlebt, akzeptiere und verstehe es aber auch.

Dafür gibt es im Museum einiges zu entdecken. Und das, obwohl ich sonst so gar nicht an Museen interessiert bin. Die Medizinleute dieser Stämme wurden isoliert 12 Jahre in die Berge gesandt, um die Energien, die Kraft und die Stärke der Natur aufzunehmen und selbst stark zu werden. In der Zeit haben sie pro Jahr nur zwei Hände voll Bergziegenwolle für sich mitgebracht. So wurde der Ziege nicht kalt, sie konnte weiter im Schnee überleben und sie wurde auch dafür nicht geschlachtet. Und nach 12 Jahren war so viel Wolle zusammengekommen, dass ein wärmender Poncho daraus gewoben werden konnte für diese Person. Auch gefischt wurde nach nur nach Bedarf, nicht im Überfluss.

Für Bastkörbe oder Raumtrenner wurde einzelnen Zedern ein Teil der Rinde abgezogen. Dies durfte aber auch nur einmal pro Generation geschehen, damit der Baum überleben konnte. Diese Marker kann man heute noch sehen. Diese Bäume gelten als kulturell modifizierte Bäume, womit die First Nations heute noch ihr damaliges Land gegenüber der Regierung reklamieren können.

Und bei allem, was der Natur entnommen wird, wird vorher gefragt und auch etwas zurückgegeben wie z.B. Tabak. Der Erde wurde gedankt, statt alles, was sie zu bieten hat, als selbstverständlich anzusehen. Werden z.B. einzelne Wurzeln eines Baumes verwendet, ist das verwendete Produkt quasi eine Tochter des Baumes. Sogar Kanus wurden als lebendige Wesen angesehen. Vor dem ersten Zu-Wasser-Lassen wird es gesegnet und das Leben wird in die Zeder, aus der es in einem Stück besteht, wieder eingehaucht.

Jeder Tanz hat eine spirituelle Bedeutung, jedes Tier und jede Pflanze. Alles ist Teil eines großen Ganzen, alles hat Seele und Leben und steht in einer Wechselwirkung zueinander.

Was ich beachtlich finde, ist, dass sie tatsächlich den Nachkommen nun auch wieder ihre ursprüngliche Sprache, Tänze und Kultur lehren und dies auch dürfen. Natürlich will keiner mehr im Tipi wohnen und nur mit einem Wollponcho über der Schulter durch den Winter kommen. Sie leben genauso in dieser modernen Welt wie wir alle. Aber immerhin dürfen die Werte und Traditionen wieder vermittelt werden, so dass sie nicht in Vergessenheit geraten. Und vielleicht können diese Werte der Welt helfen, wieder mehr zur Natürlichkeit zurückzukommen.

farbenfrohes Squamish

Der Ort Squamish, in dem einer der beiden Stämme ansässig ist, die das Cultural Centre betreiben, wird deutlich farblich belebt durch viele Murals – bunte Mauermalings mit zum Teil indigener Symbolik. Und wir können schon einmal einen Blick auf den Pazifik werfen. Aber es fühlt sich noch nicht wirklich nach Ozean an, da wir hier noch in einer Bucht sind. Das kommt noch!

Sonne satt auf Vancouver Island

Wir nehmen die allerletzte Autofähre des Tages nach Vancouver Island und kommen erst nach Mitternacht an. Im ersten Tageslicht nehmen wir schonmal die Ostküste unter die Lupe und entdecken zerlöcherte Felsen, die einem Schweizer Käse ähneln, bunte Seeanemonen und eine noble Nachbarschaft, die auch mal ihren Vorgarten aufgeräumt hat, was man nicht von allen in diesem Land behaupten kann.

Im Rest des Landes wird scheinbar im Winter, wenn der Schnee alles überdeckt, von einigen alles mögliche aus dem Fenster geschmissen, was nicht mehr gebraucht wird. Und wenn es dann im Frühjahr taut, liegt’s halt im Vorgarten und wird auch nicht mehr weggeräumt. Oder es warten mehrere Oldtimer rostend darauf, dass ihnen vielleicht noch ein Ersatzteil entnommen wird. Ansonsten kann ich mir diese serienmäßige Sammelleidenschaft von Zeugs vor dem Haus nicht erklären. Sie hat sich jedenfalls von Ost bis West bisher durchgezogen.

Verwunschenes Cedar Grove

Weiter im Inland auf Vancouver Island bietet sich mit Cedar Grove ein ganz neues Landschaftsbild. Hier wachsen Zedern, die schon über 800 Jahre alt sind. Keine Kettensäge ist ihnen bisher zu Leibe gerückt und so haben sie nicht nur ein beachtliches Alter, sondern auch eine beträchtliche Höhe und eine mächtige, knorzige Rinde entwickelt. Endlich mal ein ordentlicher Wald und nicht wie sonst, wo durch Forstwirtschaft nur noch spillerige Bäume herumstehen. Und wir können auf einem Holzbohlenpfad mitten hindurchwandeln.

Die Sonne wird durch das Blätterdach gefiltert und es scheint ein dämmriges Licht hindurch. Diese Stimmung wird bestärkt durch die moosbehangenen Äste, die zeigen, was hier sonst eigentlich für ein feuchtes Klima herrscht.

Abtauchen ins Inselinnere

Man sieht dem Inselinneren an, was hier sonst oft für ein Klima herrscht. Die Feuchtigkeit vom Pazifik, die in der für eine Insel ganz schön hohen Bergen hängenbleibt und entweder als Nebel oder Regen niedergeht, lässt hier einen Regenwald gedeihen. Und auch die Moose an den Ästen bleiben ein allgegenwärtoges Phänomen. Wir haben Glück und es ist trocken.

Die Präsenz der First Nations ist hier deutlich größer als auf dem Festland und überall sind Totempfähle aufgestellt und indigene Kunst zu finden.

Am Pazifik angekommen!

Nun haben wir es von Ost nach West geschafft, wir sind einmal quer durch Kanada gefahren! Vom Atlantik zum Pazifik. Hier in Long Beach auf Vancouver Island nutzen wir es aus, dass der Strand seinem Namen alle Ehre macht und genießen die angenehmen Temperaturen für einen langen Strandspaziergang und schauen den Surfern zu.

Radtour am Strand

Das Örtchens Tofino hat einem gewissen Surfercharme mit entsprechenden Läden fürs Equipment und insgesamt einer entspannten Atmosphäre.

Die Gegend läd ein zu einer Radtour, da wir hier perfekt sogar auf den verschiedenen Stränden fahren können. Und auch entlang der Hauptstraße gibt es ausnahmsweise mal einen Radweg. Seltenheit in diesem Land, wo praktisch jeder Meter eher mit dem Auto zurückgelegt wird.

Auf den Felsen direkt an der Küste wurde oft ordentlich in Architektur investiert und es finden sich so einige schicke Anwesen darauf, von denen die Bewohner den Blick auf Wind und Wellen aus erster Reihe genießen können.

Whale Watching auf Vancouver Island

An der Pazifikküste ziehen jährlich zu dieser Jahreszeit – wir haben Anfang/ Mitte Juni – tausende Grauwale vorbei Richtung Alaska. Dementsprechend ist für uns heute Waltag und wir begeben uns auf einem Zodiac, einem schlauchbootartigen Wasserflitzer von Tofino aus auf die Suche. Auf dem Weg aus der Bucht tobt schonmal eine eine Gruppe Seeotter im kühlen Nass. Mann, sind die niedlich! Deutlich größere Geschosse bekommen wir mit Seelöwen auf einer felsigen Insel zu Gesicht. Besonders die wirklich extrem gut genährten Männchen sehen etwas ungelenk aus, wenn sie da über die großen Steine robben.

Zwischendurch gibt der Skipper immer wieder ordentlich Speed und wir hüpfen über die Wellen mit der Nase im Wind. Das ist echt lsutig und fühlt sich an wie in einem Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt. Da mir Fahrten auf dem Wasser schonmal den Magen flau werden lassen können, bin ich froh, dass heute wenig Wind geht, das Meer ist also relativ ruhig. Hab ich so bestellt! Danke, dass es so ist und ich mein Frühstück intus behalten darf! Dazu scheint uns die Sonne warm auf den Pelz. Einen dick eingepackten Pelz, denn falls wir bei der Geschwindkeit doch aus dem Boot purzeln sollten, haben wir quietschorangene, dicke Überlebensanzüge bekommen. Denn der Pazifik ist wirklich arschkalt!

Zur Krönung der Tour fahren wir noch in eine Bucht, wo die Grauwale gern futtern und im Sommer sogar heimisch sind, statt nur vorbeizuziehen. Wir bekommen also einige zu sehen. Sie kündigen sich mit ihrem Blas an und zweigen uns dann ihren dunklen Rücken. Zum Abschied winken sie uns dann noch mit ihrer Schwanzflosse zu.

Uns gefällt es in Long Beach und wir verbringen einige Zeit dort. Da wir ja den Winter übersprungen haben und gleich hier zum Sommer übergegangen sind, genießen wir so freudig die wärmenden Sonnenstrahlen am Strand und den Anblick der entspannten Surfer, wie sie die Wellen abreiten, dass wir ganz unbemerkt schön vor uns hinrösten. Da tut auch ein Bad im kalten Pazifik leider keine Abhilfe…

Ein weiterer, sehr relaxter Ort auf der Insel ist Ucluetet. Es ist weniger touristisch und wir finden die Atmosphäre ganz fantastisch hier. Überhaupt hat Vancouver Island eine ganz besondere Ausstrahlung. Die reine Optik mag Ähnlichkeit zur Ostküste Kanadas haben, aber diese Gegend hier – so finden wir und bekommen überzeugtes Kopfnicken der Einheimischen dazu – hat einfach mehr Magie und mehr Seele. Es wirkt noch wilder und ungezähmter.

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