Bunte Häuser und Boote am kleinen Hafen von Peggys Cove, Kanada

Weite Wälder, Große Städte und noch viel größere Seen

Unsere Abenteuerreise beginnt im wilden Osten Kanadas. Trotz massiver Flugstreiks in Deutschland – der Frankfurter Flughafen sieht wie ausgestorben aus – erbarmt sich eine Mannschaft, uns mit einem der wenigen Flieger pünktlich nach Halifax zu bringen. Die Stadt empfängt uns mit dichtem Nebel und frostigen Temperaturen – echtes „Schietwetter“, das uns direkt in die nächste Mall für warme Pudelmützen treibt.

Während wir darauf warten, unser Offroadmobil „Balu“ im Hafen abzuholen, erkunden wir die Highlights von Nova Scotia. Auch wenn Halifax uns erst auf den zweiten Blick überzeugt, ist die Küstenlandschaft in Kanadas Osten spektakulär.

Unsere Top-Entdeckungen rund um Halifax:

  • Peggy’s Cove: Der ikonische Leuchtturm vor rauer Kulisse. Hier schmeckt uns sogar die Portion Fish & Chips besser als in England.
  • Lunenburg: UNESCO-Weltkulturerbe mit bunten Holzhäusern und maritimem Charme.
  • Wolfsville: Kanadischer Wein in malerischer Kulisse.
  • Burntcoat: Markanter Ockerfelsen an der Westküste Nova Scotioas.

Trotz der Kälte ziehen uns die Weite und die urigen Fischerdörfer sofort in ihren Bann. Der perfekte Auftakt für unser Kanada-Abenteuer!

Wir stochern noch etwas im Nebel am Lobsterfischereihafen und dem Nordstrand von Halifax, dann ist es endlich soweit: wir können Balu aus dem Hafen holen. Drei Stationen mit Papierkram später, die erstaunlich glatt laufen, haben wir ihn heile wieder! Wir brauchen noch eine Weile, bis wir Gas, Wasser und den Kühlschrank aufgefüllt haben. Aber dann geht’s los gen Westen. Unsere erste Übernachtung in freier Natur genießen wir in absoluter Stille an einem See.

Das nächste Highlight sind die Hopewell Rocks in New Brunswick. Offiziell ist hier noch alles zu, aber wir kommen trotzdem rein und haben die ganze Szenerie für uns alleine. Die Felsnadeln ragen aus wie Blumentöpfe aus dem rötlich-braunen Watt mit ihren einzelnen Tannen auf der Spitze.

Ein erster Kontakt zu den First Nations

Wir entdecken unterwegs den Künstler Alan Syliboy vom Stamm der Mi’kmaq der First Nations. Seine farbenfrohen Gemälde zeigen Motive von Walen und Schildkröten, die in den nahen Küstengewässern zuhause sind sowie Motive, die auf die alten Petroglyphen Bezug nehmen. Mich erinnern sie auch an die Dotpaintings der Aborigines in Australien. Er sagt, die vielen Punkte stellen u.a. die Ahnen dar, zu denen die indigene Bevölkerung einen viel intensiveren Bezug hat als es bei uns der Fall ist. Seine Werke hat er sogar u.a. bereits in München ausgestellt. Erstaunlich, er verschifft seine Gemälde über den großen Teich und wir unseren Camper!

Wir erfahren auch über ein tägliches Ritual, dass sie morgens durchführen, um sich energetisch von den dunklen Mächten der Nacht zu reinigen. Sie räuchern ein Bündel Süßgras, das unserem Dünengras sehr ähnlich ist, ergänzen dazu reinigend wirkenden Salbei oder Tabak und verteilen den Rauch mit einer Adlerfeder. Als Räucherschale dienen wunderschön schillernde Perlmuschelschalen.

Insgesamt sei die Akzeptanz der First Nations in den letzten Jahren deutlich angestiegen, sie werden wohl deutlich besser in die Gesellschaft integriert. Sicher gibt es noch Optimierungspotenzial, aber es scheint einen Aufwärtstrend zu geben.

Eine Idee von der Weite

Als wir weiter durch New Brunswick fahren, ist der TransCanadaHighway ist relativ leer. Er zieht sich wie ein endloses, im Moment noch recht winterlich anmutendes Band einmal quer durch Kanada. Hier und da gespickt mit Schildern, die vor suizidgefährdeten Elchen warnen. Über Land dagegen finden sich immer wieder charmante Holzhäuser, auch wenn das ein oder andere auch mal einen Topf Farbe verdient hätte.

Zwischendurch hatte es sich schonmal frühlingshaft angefühlt. Daher hatten wir schon darauf spekuliert, dass es damit nun so weiter gehen würde. Wir waren in Deutschland ja schon von wärmeren Temperaturen verwöhnt worden. Und auf einmal sitzen wir wieder mitten im Winter. Seen sind noch gefroren, eine weiße Schneedecke liegt noch auf der Landschaft und dann fängt es sogar noch an zu schneien. Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?

Am riesigen Sankt-Lorenz-Strom lugt dann aber doch noch wieder die Sonne hervor, so dass wir uns auf einen Spaziergang an den wunderschönen Holzhäusern vorbei entlang des Flussufers wagen.

Im französischen Québec

Über eine riesige alte Eisenbrücke fahren wir in das bunte Québec hinein. Wir sprechen in der Marina einen Bootsbesitzer an, ob wir vor dessen Segelboot stehen dürfen, dass noch an Land liegt. Wir kommen mal wieder ins Gespräch. Balu ist immer ein guter Türöffner, da die Leute uns neugierig ausfragen, was es damit auf sich hat. So ein Format gibt es hier sonst nicht, schon gar nicht mit deutschem Kennzeichen. Ich bin immer wieder begeistert von der Freundlichkeit und dem Interesse der Menschen, die ich auf Reisen treffe und schon getroffen habe. So viele herzliche Begegnungen, die sich durchd as Unterwegssein ergeben. Das allein lohnt bereits das Reisen.

Québec selbst überzeugt durch eine für diesen Kontinent vergleichsweise alte Stadt. Angeblich sähe sie sehr französisch aus. Das kann ich als Frankreich-Fan nicht gerade bestätigen. Ich fühle mich an jeder Ecke eher an das schottische Edinburgh erinnert. Fehlt nur noch der Harry-Potter-Laden. Von oben sehen die Häuser eher wie die in einer Modelleisenbahn-Landschaft aus. Das Highlight ist das Château Frontenac, das schon einige illustre Gäste beherbergt hat. Davor ist eine weitläufige Holzterrasse angelegt, auf der es sich herrlich flanieren lässt.

Nationalpark Mauricie

Wir legen im Nationalpark Mauricie noch einen Zwischenstopp ein für eine Wanderung und Mountainbike-Tour. Die heute Windstille beschert uns besonders schöne Reflektionen in den Seen. Einige Straßen sind wegen des Schnees für Autos noch geschlossen, aber wir fahren trotzdem mit den Rädern durch und entdecken auch hier noch teils gefrorene Seen, die aufgrund der Menschenleere eine ganz besondere Ausstrahlung haben.

In dieser wunderbaren, friedlichen Umgebung gebe ich nun auch meine erste Session auf dieser Reise. Die Erde, die Bäume, die Sonne wollten unterstützen und es war ein sehr schönes Gefühl, rundum von der Natur umgeben, diese Sitzung zu geben.

Über den Dächern von Montréal

Durch einiges an Verkehrsgewühl arbeiten wir uns voran in die Innenstadt Montréals. Genau genommen über die Innenstadt, denn vom gleichnamigen Berg aus haben wir einen fantastischen Ausblick über die Skyline der Stadt bei Sonenuntergang. Aber wir entscheiden uns, nicht weiter runter ins Zentrum zu fahren, da wir schon von Einheimischen gehört haben, dass es so viel gar nicht zu sehen gäbe. Sightseeing in der Stadt verschieben wir lieber auf Toronto.

Thousand Islands National Park

Wir finden ein ruhiges Plätzchen am Rande Montréals und machen uns auf zum Thousand Islands National Park. Hier wohnen die Menschen gern auf Mini-Inseln, die gerade einmal so groß sind, dass ein Haus plus Bootshaus daraufpasst. Sie wohnen so dicht an der Wasserkante, dass es so aussieht, als würden sie in einem Überflutungsgebiet liegen und hätten es gerade noch geschafft, nicht weggeschwemmt zu werden. Das Wetter unterstützt mit grauer Matschepatsche jedenfalls diesen Eindruck.

Dafür bekommen wir umso mehr menschliche Wärme entgegengebracht als wir bei einer älteren Dame ganz in rosa fragen, ob wir auf ihrem großflächigen Gelände am See über Nacht stehen dürfen. Sie freut sich einen Keks, dass wir mit eigenem Camper aus Deutschland angereist sind. Sie sei früher auch viel unterwegs gewesen und umarmt uns herzlich. „Welcome to Canada“ ruft sie und strahlt mit einem zahnlückenbehafteten Lächeln.

Städtetrip nach Toronto

Toronto ist die größte Stadt Kanadas und wir hatten schon befürchtet, dass wir uns durch lange Staus quälen müssten, bis wir in die Innenstadt gelangen. Aber wir kommen ziemlich gut durch und finden einen für diese Ausmaße der Stadt recht zentrales Plätzchen zum Übernachten auf einem Parkplatz. Auch hier begegenen wir wieder einem sehr freundlichen Typen, der ganz ursprünglich aus Deutschland stammt, dann aber mit 5 Jahren mit der Familie nach Kanada übergesiedelt ist. Wie so viele. Axel heißt er und spricht sogar noch ein paar Brocken Deutsch.

Von einer Halbinsel aus haben wir einen fantastischen Blick auf die Skyline der Stadt, die in der Abenddämmerung langsam ihre Lichter anknipst. Nur die lästigen Fliegen, die hier in Scharen aus den Büschen gekrochen kommen, scheuchen uns wieder zurück zu Balu. Und die Kälte noch dazu. Es darf definitiv noch molliger werden!!!

Am nächsten Tag touren wir mit den Mountainbikes in die Stadt. Sieht nahgelegen aus, aber wir brauchen allein schon eine halbe Stunde, um im Zentrum anzukommen. Wir finden uns wieder in einem Mikado aus Wolkenkratzern, die wie gläserne, zumeist blau verspiegelte Stäbe in den Himmel pieksen. Da wir so einen Anblick nicht gewohnt sind, sind wir immer wieder fasziniert von der Szenerie, die uns in den unterschiedlichen Straßenzügen bietet. Auch wenn diese Gebäude kalt und unpersönlich rüberkommen. Gleichzeitg wirken sie wie gläserne Bienenwaben, wo tagsüber und vielleicht auch so manche Nacht emsig gearbeitet wird. Und letzten Endes ist es ja auch so.

Über die Zeit wird es ganz schön kalt und wir wärmen uns beim Inder wieder auf. Dadurch, dass diese Landsleute hier im Osten Kanadas in unerwarteter Vielzahl wohnen, gibt es auch wirklich sehr authentisches Essen, dass uns auch von innen wieder auftaut.

Insgesamt ist Toronto wirklich eine sehr moderne Stadt, die dabei ist, noch viel weiter zu wachsen. Überall Baustellen in der Stadt, wo neue Wolkenkratzer hochgezogen werden. Es sind aber nicht nur die Temperaturen kühl, sondern die Atmosphäre kommt durch die vielen anonymen Skyskraper auch ähnlich daher.

Oldtown Toronto

In der Altstadt findet sich ein buntes Konglomerat von alten Gebäuden, die damals als hoch galten und heute um noch weit höhere Neubauten ergänzt wurden. Die Schriftzüge alter Werbeschilder leuchten noch mit alten Glühbirnen und eine Straßenkreuzung macht dem Times Square in New York Konkurrenz mit seinen riesigen, bunten Werbedisplays. Und wenn die Fußgängerampeln dort auf Grün schalten, wuseln die Passanten alle gleichzeitig über große Zebrastreifen wie auf der berühmten Kreuzung in Tokio. So viel Action, egal, wo man hier hinschaut. Ein herrliches Schauspiel!

Ebenfalls in der Altstadt liegt die Graffiti Alley – ein Straßenzug, in dem so ziemlich jedes Haus ein kunstvoll buntes Wandmaling trägt. Sogar ein futuristischer Cybertruck von Tesla ist hier mit Dekofolie beklebt. Überhaupt gibt es hier im Viertel jede Menge Subkultur, wo jeder alles für seine jeweiligen Bedüfnisse finden kann. Der Asiate sein spezifisches Lebensmittelgeschäft, der geneigte Raucher sein legales Cannabis und der fröstelnde Tourist seinen Karamell-Latte und Soja-Chai, so wie wir.

Die magische Kraft der Niagara-Fälle

Nach so viel Impressionen aus der Großstadt und Gewühl freuen wir uns auf eine Abwechslung in der Natur mit einem Spektakel der Superlative: bei den Niagara-Fällen. Die Kandadier teilen sich diese gewaltige Kulisse mit den USA, wobei der imposanteste Part mit den Horseshoe-Falls auf der kanadischen Seite liegt – Schwein gehabt!

Sie zählen zu den wasserreichsten Wasserfällen der Welt und diese Kraft ist wirklich enorm. Wir hören sie schon vom Parkplatz aus donnern. Abends werden sie mit bunten Farben wechselnd angeleuchtet, als wäre diese Masse an Nass nicht schon beeindruckend genug. Ich bekomme kaum die Kinnlade runter und merke ganz deutlich, wie diese Energie sich auf mich überträgt und mich hinterher ganz kraftvoll fühle, so als könnte ich Bäume ausreißen.

Durch diesen Anblick euphorisiert kommen wir erst spät ins Bett. Dabei klingelt schon um 4:45 h wieder der Wecker, denn wir wollen die Wasserfälle auch nochmal bei Sonnenaufgang bewundern. Das ist so überhaupt nicht meine Uhrzeit. Kaffee und Schoki müssen jetzt erstmal reichen für den ersten Energieschub des Tages, für Frühstück ist jetzt keine Zeit. Am Himmel blinzelt schon die Morgendämmerung hervor und wir beeilen uns, der Sonne zuvor zu kommen.

Wir haben 0 Grad und meine Finger frieren fast an der Kamera fest, aber wir haben sowas von Glück! Die Wolken zaubern eine schöne Struktur an den Himmel, so dass die Weite nochmal viel mehr zur Geltung kommt und darunter hat die Sonne freie Bahn, die Szenerie auszuleuchten. Die Wasserfälle haben so viel Macht, da steckt so viel Kraft dahinter. Und es kommt immer weiter, immer weiter Wasser nach. Sehr beeindruckend! Wir können uns gar nicht sattsehen.

Übers Jahr sollen hier etwa 12 Mio Touristen herkommen. Doch um diese Uhrzeit ist einfach mal gar keiner hier außer uns. Ist das herrlich! Keiner stört das Spektakel und es ist, als ob die Wassermassen sich allein für uns in den Abgrund stürzen würden.

Auch nach diesem Besuch bin ich wieder so voll geladen mit Energie – das ist mal ein Kraftplatz erster Güte!

Jetzt wärmen wir uns erstmal die Finger an einem heißen Tee wieder auf und mummeln uns nochmal ein. Das frühe Aufstehen macht sich jetzt doch bemerkbar. Aber am Nachmittag können wir es nicht lassen und fahren diesmal mit dem Rad nochmal vorbei und auch an einer Art kleinem botanischen Garten mit blühenden Tulpen und Magnolien. So langsam scheint auch in Kanada der Frühling Einzug zu halten. Wird aber auch Zeit!

Frühling in Niagara-on-the-Lake

Hier in dieser Gegend von Niagara-On-The Lake am riesigen Ontario-See herrscht ein besonderes Mikroklima. Es reiht sich ein Weingut an das nächste, zwischendurch gespickt mit Apfelplantagen in voller Blüte. Dazu Kirschblüten und Magnolienblüten, herrlich. Überhaupt grünt und sprießt es hier endlich. Wir haben schließlich Anfang Mai, da darf auch ein solch nordisches Land auch mal aus dem Winterschlaf erwachen, finde ich. Die Sonne lacht und macht richtig Laune, die Gegend mit dem Rad zu erkunden.

Die Häuser und Villen machen deutlich, dass nicht nur durch den Speckgürtel von Toronto, sondern wohl auch durch die Wein- und Obstplantagen ein gewisser Wohlstand gegeben ist. Große Villen und schicke Holzhäuser prägen das Bild. Und die gesamte Region strahlt unglaublich viel Friedlichkeit aus.

Von einem Park aus können wir sogar ein Fort der USA sehen. Die großen Nachbarn sind ganz nah dran. Ein Bild auf einem Tresen eines Ladens zeigt, dass sie sich wieder mehr Miteinander und ein Sich-Wieder-Vertragen wünschen. Die Kanadier sind grade nicht so gut auf die USA zu sprechen. Verständlich, da sie nicht vorhaben, deren 51. Bundesstaat zu werden.

Wir genießen jedenfalls diese Gegend und können sogar endlich mal kurze Klamotten anziehen.

Wir entdecken zufällig noch das niedliche Zentrum des Ortes, mit dem wir gar nicht gerechnet hatten. So etwas hat ja hierzulande ja sonst Seltenheitswert. Wir testen uns durch wirklich leckeren, nach Erdbeeren schmeckenden Wein aus dieser Region und durch ein paar Eissorten. Dann schlendern wir gemütlich entlang der bunten, kleinen Läden. Ein richtig schönes Urlaubsgefühl ist das!

Wir verabschieden uns schweren Herzens aus diesem Blumenparadies. Denn uns ist schon klar, dass wir wieder mehr dem Winter entgegenfahren, sobald wir aus dieser warmen Ecke des Landes rauskommen. Und so ist es auch. Die Bäume tragen noch kein Laub, das Gras ist wieder winterlich gräulich und Blüten suchen wir auch vergeblich. Aber so ist es nunmal und wir ziehen weiter durch das Land. Dafür liefert der abendliche Himmel ein großartiges Farbspektakel und gleicht damit eine ganze Menge Tristesse aus. Mit einem Weinchen auf der Puschelcouch bei Balu – wir haben einen wunderschönen Platz an einem See für die Nacht gefunden – lässt es sich herrlich aus dem Warmen heraus beobachten.

Karibik-Gefühl im Bruce Peninsula National Park

Wir durchqueren ein Gebiet, in dem noch viele Mennoniten leben. Aus Überzeugung lehnen sie jede fortschrittliche Technik und z.T. sogar die Nutzung von Elektrizität ab. Wir sehen sogar welche in ihrer Kutsche über die Landstraße fahren in ihren urtümlichen Gewändern und Hüten.

Auch wenn sicherlich nicht jeder technische Fortschritt Vorteile bringt, machen wir uns lieber motorisiert auf zum nächsten Ziel, dem Bruce Peninsula National Park. Wir erwarten gar nichts Besonderes und gehen eine Runde durch einen Wald wandern, der auch im Harz hätte liegen können.

Doch plötzlich leuchtet ein quietschiges Türkis durch die Bäume. Diese Farbe hat eine magische Anziehungskraft auf mich! Und siehe da, eine wunderschöne Bucht eingetaucht in diese Farbe liegt zu unseren Füßen, umringt von Felsen und Tannen. Wunderschön! Karibik mit kanadischem Drumherum. Über Felsen kletternd führt der Weg noch an weiteren malerischen Buchten vorbei, die wir geradezu inhalieren. Es ist noch Vorsaison und fast nichts los. Sonst zählt dieser Nationalpark zu den beliebtesten Ausflugszielen im Bundesstaat Ontario. Das ist wiederum der Vorteil an dieser Jahreszeit!

Versunkene Wracks in Tobermory

Ein nächster optischer Leckerbissen sind die Wracks um Tobermory herum. Das Örtchen liegt an der Spitze der Halbinsel. Dies hatte uns eine Kanadierin in Toronto wärmstens empfohlen, die von Balu und unseren Reisplänen sehr begeistert war. Wir schauen, ob wir auch ohne extra Bootstour Wracks erspähen können. Aber fast jegliches Ufer ist Privatgelände und es lässt sich keine Menschenseele vor der Tür blicken. So bleiben wir zunächst erfolglos.

Erst am nächsten Morgen fährt im letzten Augenblick doch noch jemand auf seine Auffahrt. Genau auf das dem Wrack nächstgelegenen Grundstück. In der Bucht wurde es auf eine Sandbank getrieben. Jörg darf die Drohne steigen lassen und so können wir doch noch eines der insgesamt 25 versunkenen Schiffe entdecken! Durch das glasklare Wasser ist es wunderbar zu erkennen. Das Licht hat den besten Einfall und keine Wolke schiebt sich davor. Wiedermal haben wir richtig Glück gehabt!

Auf Manitoulin Island – First Nations, wo seid Ihr?

Gerade rechtzeitig schaffen wir es noch zur Fähre hinüber nach Manitoulin Island, der größten Süßwasserinsel der Welt. An Bord treffen wir eine deutsche Familie, die wir auch schon im Bruce National Park getroffen haben. Wir sitzen an Deck zusammen in der Sonne, plaudern und lassen uns den kühlen Wind um die Nase wehen.

Auf der viel Frieden ausstrahlenden Insel wohnen noch 8 verschiedene Stämme der First Nations. Dort hoffe ich, noch weiter ins Gespräch zu kommen mit den Medizinleuten. Es gibt auch Welcome-Zentren, in denen man in den Sommermonaten z.B. Wanderungen inklusive Heilpflanzenkunde und alten Zeremonien buchen kann. Jetzt hoffe ich, auch ohne Hochsaison mit den entsprechend Kundigen ins Gespräch zu kommen.

Das nicht unwesentliche Hindernis ist dabei, dass es kurz vor Wochenende ist und die Zentren schon in zwei Stunden schließen. Öffnungszeiten hatte ich nicht bedacht. Auf Reisen verliert man ja schonmal das Zeitgefühl. Freitag, Sonntag, Dienstag – ist ja meist auch wurscht im Unterwegsalltag. Das zuerst angesteuerte Zentrum ist erst zu, dann verweist doch noch jemand auf das Gesundheitszentrum nebenan und die auf die Ambulanz gegenüber. So unangekündigt und ungeplant haben sie alle keinen Heilkundigen vor Ort. Was mir aber auffällt und mich sehr beruhigt, ist dass sie mir diesbezüglich sehr offen und hilfsbereit gegenüber sind. Ich war mir unsicher, wie sie mein Ansinnen denn aufnehmen würden. Aber sie freuen sich sogar über mein Interesse. Das erleichtert mich doch sehr.

Das zweite Welcome Center ist zwar noch geöffnet, aber die Antworten wiederholen sich. Zumindest gibt es dort schon einiges über die Lebensweise zu erfahren. Die hier lebenden Algonkin-Völker (wie z.B. den Anishinaabe) haben die Vorstellung, dass der Manitou hier auf dieser Insel die Erde, das Universum, die vier Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft) und schließlich das Leben erschaffen hat. Der Manitou ist der Große Geist – die allgegenwärtige, spirituelle Lebenskraft. Sie durchzieht die gesamte Natur – Tiere, Pflanzen, Steine, das Wetter und den Menschen. Andere Stämme wiederum haben ganz andere Schöpfungsgeschichten, es gibt keine einheitliche für alle.

Die Stämme organisieren sich in Clans, die jeweils unterschiedliche Aufgabenbereiche wie traditionelle Bildung, Essen, Medizin, Spiritualität und Schutz zugeteilt bekommen. Diese werden nach Tiernamen benannt. Z.B. der Vogelclan mit dem Adler als Tierbild. Diesem gehören spirituelle Lehrer und Visionäre an. Der Bär-Clan war die Gruppe für die Medizinleute, deren besondere Fähigkeit das Auffinden von speziellen Pflanzen und Wurzeln war. Noch heute tragen sich diese alten Strukturen in deren Gesellschaft durch. Auch wenn die First Nations längst ganz normalen modernen Berufen nachgehen und ein ebenso modernes Leben führen.Aber die alten Fähigkeiten scheinen sich doch noch erhalten zu haben. Ich bleibe dem weiter auf der Spur. Ich habe zumindest schonmal Witterung aufgenommen.

Wanderung auf dem Cup and Saucer Trail

In der Nähe des Lake Manitou auf der Insel begeben wir uns auf eine Wanderung auf dem Cup an Saucer Trail. Dieser besticht vor allem durch seine vorspringenden Felsplateaus hoch über der Landschaft, unter denen es abrupt senkrecht in die Tiefe geht. Im besten Nachmittagslicht genießen wir die Aussicht.

Am Abend finden wir auch noch an diesem See einen Platz zu stehen bei einer super netten Kanadierin auf dem Hof. Aber da ich bei Manitou immer an den Kinofilm „Der Schuh des Manitou“ denken muss, kann ich doch nicht anders, als nach einem Schuh und einem Kanu Ausschau zu halten… 😉

ENTLANG DES SUPERIOR LAKE

Wir fahren wieder aufs Festland und lassen den Ontario Lake hinter uns. Was jetzt kommt, sind laut Navi erstmal 670 km gaaanz geradeaus ohne abzubiegen! Auf der linken Seite begleitet vom Superior Lake und auf der rechten von tausenden von kleinen Seen. Die Great Lakes wirken wie Meere, es ist kein Ufer auf der anderen Seite zu sehen. Nur riesige Wasserflächen bis zum Horizont. Die kleinen sind alle umrandet von Tannen und noch kahlen Laubbäumen. Manchmal durchziehen kleine Bachläufe die Moore. Die Gesteine hier bieten optisch eine kunterbunte Auflockerung und viele Wasserfälle laden zu einer kleinen Pause ein. Die Häufigkeit der Elchschilder nimmt deutlich zu. Bei dieser Landschaft erwarten wir auch, dass doch bestimmt mal einer hinterm Baum vorlugt. Und tatsächlich! Erst läuft einer in der Ferne ganz langsam über die Straße und dann steht auch noch einer in der Nähe am Waldesrand. Ha, erste Elchsichtung! Toll!

Nach einer Übernachtung an einem wunderschönen Strand geht’s bei Gepladder wieder stundenlang geradeaus. Die Wolken hängen tief und die Motivation bald auch. Was predige ich beim Coaching immer: die Situation annehmen wie sie ist. Wenigstens haben wir so keinerlei Mücken, die sonst im Sommer bei so vielen Seen in Heerscharen über uns herfallen würden. Hat also auch was Gutes! Positiv denken!

Balu schluckt bei dem heutigen Gegenwind einiges weg und so ist dann auch mal wieder tanken angesagt. Aber es gibt nur noch Pusemuckeldörfer bestehend aus 3 Häusern und in zweien davon ist einfach mal der Diesel aus. Öhm, äh, pffff! Wie lange reicht unser Sprit noch? Für 30 Minuten bei gleichbleibendem Tempo. Laut Google ist der nächste Ort in 23 Minuten erreichbar. Mit 70 km/h nuckeln wir die letzten Kilometer vor uns hin, in der Hoffnung, dass dort der ersehnte Lebenssaft für unseren treuen Gefährten zu bekommen ist. Auf den letzten Drops rollen wir auf den Hof und – tatsächlich! Sie haben noch was und wir tanken erstmal voll. Diese Entfernungen brauchen ein bisschen Vordenken lernen wir daraus…

Heute fahren wir wieder an vereisten Seen entlang. Frostig, aber auch wieder sehr schön. Auf manchen meine ich noch Fahrspuren zu erkennen. Die scheinen so dick zuzufrieren, dass auch Autos drüber fahren konnten im Winter. Krass!

Der Vorteil an dieser wilden, weiten Landschaft ist wirklich, dass wir wirklich frei stehen können für die Nacht. Dieses Mal soll es ein Plätzchen am Flussufer sein. Das Wetter ist sogar so, dass wir unserer Feuerschale eine Feuertaufe geben können. Funktioniert wirklich gut und sie wirft sogar Wärme ab. Scheinbar nicht genug, denn als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster schauen, schneit es in dicken Flocken….

Nach erneut vielen Kilometern haben wir die Sonne wieder eingeholt und wiederholen unser Lagerfeuerchen. Am nächsten Tag ist es sogar so warm, dass wir uns erstmal richtig schön raussetzen und sonnen. Wir mögen gar nicht weiter und so sehen wir nach einer Weile schon ein bisschen angeknuspert aus. Ist aber auch einfach so schön, wenn’s warm ist!

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